Hélène de Beauvoir – Eine Frau unserer Zeit, Künstlerin und engagierte Zeitgenossin  

Femmes de Tanger,1949, Kempf

Hélène de Beauvoir (1910-2001), die lange Zeit im Schatten ihrer älteren Schwester stand, widmete ihr ganzes Leben der Malerei.
Sie vertraute ihr an, was sie im Laufe der Reisen erlebte, welche die Karriere ihres Ehemanns prägten, und anschließend im Laufe der vierzig Jahre, die sie im elsässischen Goxwiller verbrachte.
Sie verriet ihr, wer sie ist, enthüllte ihre Sehnsucht nach Freiheit, die Freude, für ihre Kunst anerkannt zu werden, ihre Beziehung zu ihrer Schwester Simone, ihr feministisches Engagement.
Fragmentierung der Form, Zergliederung der Bewegung, Vereinfachung der Linien, Schaffung von Räumen im Raum des Gemäldes bringen ihre Entwicklung hin zu einem einzigartigen Stil, am Schnittpunkt der Einflüsse von Kubismus, Orphismus und Futurismus zum Ausdruck.
Während Deutschland, Italien, Japan und die Vereinigten Staaten bereits in den 1950er Jahren zu ihrer internationalen Bekanntheit beitrugen, ist Hélène de Beauvoir in Frankreich auch heute noch eine verkannte Malerin.
Das Musée Würth im elsässischen Erstein stellt die erste Museumsretrospektive über das Werk von Hélène de Beauvoir seit ihrem Tod vor.
Über Werke, die hauptsächlich aus Privatsammlungen stammen, möchte das Museum dieser Malerin und engagierten Zeitgenossin  Legitimität in ihrem eigenen Land verleihen.
Ihre Holzschnittillustrationen am Rande literarischer Werke, ihre Nähe zu Simone de Beauvoir und Sartre, ihre leidenschaftliche Begeisterung für den Gesang von Maria Callas, die sie in Italien hörte, oder das Klavierspiel von Glenn Gould, das ihrer Arbeit in ihrem Atelier in Goxwiller den Takt vorgab, regen zu zahlreichen Brückenschlägen zwischen den Künsten an.
Im Rahmen dieser Ausstellung wird es ein begleitendes Kulturprogramm geben.

Di-Sa 10-17 Uhr, So 10-18 Uhr
Tel. +33 (0)3 88 64 74 84
www.musee-wurth.fr

Selbstporträt, 1955. Murtfeld

Sie musste sich einen Namen als Malerin, aber auch einen Vornamen erschaffen, um aus dem Schatten ihrer äußerst gefragten Schwester Simone sowie ihres Ehemanns zu treten, der als Diplomat tätig war und dem sie überall in Europa folgte.
Hélène de Beauvoir (1910-2001) wurde von den ihr Nahestehenden als elegante, wohlwollende und offene, warmherzige und fleißige Frau beschrieben; sie war eine zwar unauffällige, aber besonders effiziente Wegbereiterin, die von ihren Verpflichtungen zugunsten der Freiheit nie abrückte, nämlich: ihrer eigenen Freiheit, um ihre Erfüllung in ihrer Kunst zu finden, sowie im weitesten Sinne der Freiheit der Frauen, deren Sache sie mutig vertrat.
Ihr Leben, welches sich über einundneunzig Jahre erstreckt, von denen die letzten vierzig im elsässischen Goxwiller verwurzelt waren, überschneidet sich mit der Bewusstseinsbildung im Frankreich der Nachkriegszeit sowie der chaotischen Geschichte des 20. Jahrhunderts:
Es offenbart eine moderne, kämpferische, von den anderen sowie den Umwälzungen in der Welt – auf menschlicher, künstlerischer, intellektueller und konkreter Ebene – zutiefst betroffene Frau; es setzt ihre Malerei ebenfalls in Einklang mit Themenbereichen, welche wir heute als äußerst aktuell erkennen – Einwanderung, Umweltzerstörung – und für die Hélène de Beauvoir weit im Voraus empfänglich war.

Porträt einer Malerin

Da Hélène de Beauvoir sich vom Zeichnen sehr früh angezogen fühlte, und dieses die Zauberformel darstellte, um sich von einer gutbürgerlichen
katholischen Familie zu emanzipieren, die ihr jegliche Autonomie verweigerte, besuchte sie die Kunsthochschule École Art et Publicité in Paris, bei der das
Kino einen herausragenden Platz einnahm, um die Bewegung zu studieren. Im Louvre studierte sie begierig die Arbeit ihrer Vorgänger.
Im Jahr 1936 richtete die Galerie Bonjean ihre erste Ausstellung aus, welche von Picasso mit einem Besuch beehrt wurde, der ihre Malerei als « originell » bezeichnete. Die ersten Kritiken hoben ein « persönliches und energisches » Talent (Les Débats) hervor, « kein anderer Einfluss als eine äußerst klassische Tradition, welche die Sicherheit ihrer Malweise, die Ausgeglichenheit ihrer Komposition bildet » Sie war 26 Jahre alt.
Die ins Ausland führenden Ernennungen von Lionel de Roulet, eines ehemaligen Schülers von Sartre und Diplomaten, mit dem sie von 1942 an eine fünfzig Jahre dauernde, verständnisvolle Ehe führen sollte, lenkten den weiteren Verlauf ihres Werdegangs.
Hélène de Beauvoirs Gemälde bereicherten sich an der Erkundung Portugals, wo sie den Zweiten Weltkrieg verlebte, von Wien (1945), Belgrad (1947), Casablanca (1949). Der Aufenthalt in Marokko gestaltete sich maßgeblich für ihr Herangehen an die Farbe: Ihre Malerei entzieht sich jeglicher Mode, ihre warmen Farbtöne bringen die Intensität ihres Blicks auf die Welt in einem Augenblick zum Ausdruck, in dem ihre ältere Schwester mit “Das andere Geschlecht” Anstoß erregte.
Es folgen Mailand, wo sie Maria Callas bewundert, deren Gesang ihr künstlerisches Schaffen bis zu ihrem Lebensende begleiten soll, und anschließend Venedig, wo sie auf die traditionelle Perspektive verzichtet und sich der Abstraktion zuwendet.
Im Jahr 1957 entstanden Ausstellungen in Berlin, Mainz, Pistoia, Mailand,  Florenz, Venedig und Paris, während der Algerienkrieg tobte. Im Jahr 1960
wurde Lionel de Roulet in den Europarat in Straßburg ernannt. Das Ehepaar zog drei Jahre später nach Goxwiller, am Fuße des Odilienbergs, in einen
ehemaligen Bauernhof, der zu Hélène de Beauvoirs Rückzugsort bis zu ihrem Tod werden sollte.

Les mortifères, 1977. Murtfeld

Sie war dort von der Welt jedoch nie abgeschnitten. Die Revolution von Mai 1968 verlieh ihr neue Energie, von der die ungefähr dreißig Gemälde in harten Farbtönen zeugen, welche sie in wenigen Monaten malte.

Hélène de Beauvoir war 58 Jahre alt und stellte in New York, Tokio, Brüssel, Lausanne, Rom, Mailand, Amsterdam, Boston, Mexico, Den Haag, Straßburg, Prag … aus. In den Vereinigten Staaten bewundert man die Originalität und Einzigartigkeit ihrer Malerei in gleichem Maße wie ihre engagierte Haltung gegenüber misshandelten Frauen: Sie überzeugt durch die Kraft ihrer Malerei sowie ihr politisches und soziales Engagement –  beides war eng miteinander verbunden.

Nachdem Hélène de Beauvoir im Jahr 1990 Witwe geworden war und sie ihre Schwester Simone im Jahr 1986, sechs Jahre nach Sartre verloren hatte, malte sie weiter, umgeben von ihren Katzen und treuen Freunden, darunter Claudine Monteil*. In ihrem Todesjahr 2001 steht ihr Werk zwar nicht in hohem Ansehen, verkauft sich in Deutschland und in Japan aber gut. Hélène de Beauvoir war es gelungen, zu ihrer Kunst zu stehen und für ihre Kunst anerkannt zu werden, genau wie die aus dem 18. Jahrhundert stammende Malerin Élisabeth Vigée Lebrun, welche für sie stets eine Quelle der Inspiration sein sollte.
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